ASPASIADE 2
Exposition Temporaire Historique
Ein Vertreter der Gründerzeit
Carl Buchmann-Hauser
1844—1906
Ohne Carl Buchmann gäbe es das Aspasia-Areal in der heutigen Form nicht! Seiner Initiative ist es zu verdanken, dass zwischen Eulach und Mühlenkanal im 19. Jahrhundert eine Fabrik für die Herstellung von Toilettenseifen und auserlesenen Parfumerien entstand.
Und auch wenn der Betrieb während den rund hundert Jahren seines Bestehens nur in Ausnahmefällen einen positiven Jahresabschluss verzeichnen konnte – Carl Buchmann hat den Grundstein gelegt für das, was heute das Aspasia-Areal ausmacht …
Deshalb ist ihm diese zweite Aspasiade gewidmet.
Tafel 1
Elternlose Kindheit bei rechtschaffenen Pflegeeltern
1844—1858
Carl Albert Buchmann kommt am 7. Februar 1844 als uneheliches, vaterloses Kind der von Johann Hämig geschiedenen, in Nossikon bei Uster lebenden Anna Buchmann (1811–1847) zur Welt. Zwei Jahre später bringt dies ein weiteres uneheliches Kind, Carls Schwester Barbara, zur Welt. Anna gibt den Namen des Vaters nicht bekannt. Die Kinder kommen unter Vormundschaft und werden durch die Behörde in Pflegefamilien untergebracht – Carl in Uster, Barbara in Nossikon. 1846 stirbt die Mutter «an Gift» – die Umstände ihres Lebens und ihres Todes liegen im Dunkeln.
Als Erwachsener erstattet Carl der Waisenbehörde Uster sämtliche Kosten zurück, die sie für ihn ausgegeben hat. Das vermerkt er in seinem Lebenslauf – den Namen seiner Mutter jedoch verschweigt er zeitlebens.
Tafel 2
Lehre als Mechaniker & Schlosser
Bülach und Nänikon 1858—1862
Von 1850-1858 besucht Carl die Alltags- und Sekundarschule in Uster. Anschliessend absolviert er eine dreijährige Lehre als Mechaniker und Kupferschmid in Bülach. In Nänikon lernt er als Geselle den Bauschlosserberuf kennen. 1863 tritt er als Schlosser eine Stelle bei Joh. Jacob Rieter & Cie. in Töss bei Winterthur an.
Transkription des Abschlusszeugnisses: «Unterzeichneter bezeugt durch dieses, dass Karl Buchmann von Uster seit dem 16. Mai 1858 bis zum 29. April 1861 in seiner Werkstätte als Lehrknabe gearbeitet hat, um das Waagenmachen und Drehen nebst allen vorkommenden Arbeiten zu erlernen. Über den Fleiss, die Geschicklichkeit und das sittliche Betragen dieses jungen Menschen kann ich ihm das beste Zeugnis geben und wünsche ihm daher zu seinem ferneren Fortkommen Glück und Gottes Segen. / Bülach, den 29. April /D. Schmid Eichmeister»
Tafel 3
Aufstieg in der Firma Rieter & Cie.
Vom Arbeiter zum Monteur und Konstrukteur 1863—1874
Mit 19 Jahren tritt Carl Buchmann als Schlosser bzw. Schweisser in die Maschinenfabrik Rieter & Cie. in Töss ein. Sein anfänglicher Tageslohn beträgt Fr. 2.40. Er arbeitet sich hoch zum Monteur und zum Konstrukteur von Spinnmaschinen. Sein Tageslohn steigt in den elf Jahren bei Rieter auf Fr. 15.-.
Ab 1866 ist Carl Buchmann in deren Auftrag als selbständiger Monteur unterwegs in der Schweiz, in Deutschland, Österreich und Italien; er ist auf die Montage und Inbetriebsetzung der neusten Spinnmaschinen spezialisiert. Seine Arbeitszeugnisse geben teilweise Aufschluss, wo, wann und wie lang er an einem Ort tätig war, und worin sein Auftrag bestand.
Aufträge von Carl Buchmann, zwischen 1861 und 1871 (Quelle: Arbeitszeugnisse, Aspasia Archiv):
Tafel 4
Gesellschaftlicher Aufstieg durch Heirat
25. Oktober 1870
Anzunehmen ist, dass Carl Buchmann seine zukünftige Frau Bertha Hauser (1845-1924) in Töss kennenlernt, wo er seit 1862 in einem Kosthaus lebt. Durch seine Heirat am 25.10.1870 kommt Carl in eine angesehene Familie: Der Schwiegervater Heinrich Hauser-Schäppi (1814–1876) ist seit 1853 Besitzer der Neumühle Töss, und der Ehemann von Berthas Schwester Emilie (1838–1919) ist Jean Sträuli (1838–1900), kaufmännischer Direktor der 1831 gegründeten Sträuli Seifenfabrik. 1872 kündigt Carl bei Rieter und bekommt bei Sträuli eine Anstellung als Buchhalter. Technischer Direktor ist Carl Sträuli-Haggenmacher, der Bruder von Jean. Zu diesem Zeitpunkt ahnt niemand, dass sich Carl Buchmanns Sohn Paul über dreissig Jahre später in Carl Sträulis Tochter Frida verlieben wird.
Die Seifenfabrik Sträuli floriert, und Carl Buchmann ist nicht nur im Büro tätig, sondern lernt zudem die Seifensiederei kennen. Die Sträuli-Brüder ermuntern den tüchtigen Schwager, sich selbständig zu machen und einen eigenen Betrieb zu gründen. Um die preiswerte Waschseife der Firma Sträuli nicht zu konkurrenzieren, wird sich Carl Buchmann auf feine Toilettenseifen und Parfums spezialisieren – auf Produkte für die neue bürgerliche bzw. grossbürgerliche Klientele.
Tafel 5
Aktivdienst als Fourier in der Armee
Januar / Februar 1872
In seinem Lebenslauf schreibt Carl Buchmann, dass er 1871 /72 während des deutsch-französischen Krieges zwölf Wochen Grenzdienst geleistet habe und beim Grenzübertritt der Bourbaki-Armee dabei gewesen sei, um Waffen und Mannschaft zu übernehmen. Er sei als Soldat eingerückt, dann zum Korporal, Feldweibel und Stabsfourier aufgestiegen.
Auf zahlreichen Fotos trägt Carl Buchmann eine arabisch anmutende Kopfbedeckung, einen Fez, und es stellt sich die Frage, ob es eine Reminiszenz an seinen Einsatz im Val–de–Travers sein könnte. Denn unter den zahlreichen Soldaten befanden sich damals auch sogenannte Zuaven, Infanteristen aus der Kolonie Algerien, deren Uniformen an orientalische Trachten erinnern und zu denen häufig ein roter Fez mit Quaste gehört.
Tafel 6
Gründer einer Fabrik und deren Direktor
1876—1902
1876 ist das Jahr der Gründung der Fabrik von Carl Buchmann – so steht es auf Verpackungen und Produktekatalogen. Als erster Eintrag im Personalbuch der Fabrik, in dem sämtliche Arbeiterinnen und Arbeiter bis 1976 verzeichnet sind, findet sich im Jahr 1877 die 24-jährige Marie Grieshaber. Zu diesem Zeitpunkt gibt es Carl Buchmanns Betrieb allerdings noch nicht – Marie wird wohl vorerst im Haushalt tätig gewesen sein. Sie bleibt Carl Buchmann elf Jahre treu.
Im Frühjahr 1878 kündigt Carl Buchmann bei Sträuli. Er mietet auf den 15. Juni bei Theodor Pfau-Vögeli Räumlichkeiten im Hinteren Christoffel an der Metzggasse und kann dessen Einrichtung zur Produktion von Toilettenseifen und Parfümerien für 12’790 Franken kaufen samt Maschinen und Werkzeugen, Parfums und Essenzen, Rohstoffen, Rezepten, Etiketten und Schachteln. 3‘000 Franken sind bar zu bezahlen – den Restbetrag samt einem Zins von 5% hat Carl Buchmann in Raten von 2‘000 Franken jährlich abzuzahlen. Bürge ist die Firma Joh. Sträuli.
Die Produktion von Parfums und Toilettenseifen kann beginnen. Vorgängig hat Th. Pfau-Vögeli seinem Nachfolger Einblick in seine Verfahren gegeben, und er sichert Carl Buchmann zu, ihm auch in Zukunft «mit seinen Erfahrungen stets bestmöglich an die Hand zu gehen»! Ehefrau Bertha, Marie Grieshaber und die 14-jährige Arbeiterin Barbara Ranft sind tatkräftig dabei. Carl Buchmann verkauft seine Produkte im Geschäft, und es müssen Händler gefunden werden, welche die Waren in Kommission nehmen. Im Sommer reist Carl an die Weltausstellung nach Paris, die von Mai bis Ende Oktober stattfindet. Bereits im Jahr darauf zieht sein Betrieb zwecks Vergrösserung an die Tösstalstrasse.
1880 kauft Carl das ein Jahr zuvor erstellte Wohnhaus an der Rosenstrasse, einen Bauschuppen und Land. Das Areal befindet sich hinter dem 1877/78 erbauten Technikum. Der an das Wohnhaus angrenzende Schuppen wird zu einem Siedehaus umgebaut, ein Kamin und ein Magazingebäude werden erstellt. Die Fabrik steht! Ein Traum ist verwirklicht! Zwei Jahre später, 1882, wird aus der C. Buchmann-Hauser eine Kommanditgesellschaft, die C. Buchmann & Cie.
1893 vergrössert sich das Unternehmen durch den Kauf des Gerbereigebäudes Rosenstrasse 14 samt Wasserrad und Wasserrechten, die dazugehörigen Schuppen sowie das Land bis zur Eulach. In den folgenden Jahren aber gerät der Betrieb durch den wachsenden Import ausländischer Produkte unter Druck. Zudem erweist sich die hohe Diversifizierung des Angebots an Seifen- und Parfümerieprodukten als zu kostspielig. Und zu alledem wird am 5. Februar 1900 das Fabrikgebäude Rosenstrasse 11 durch einen Brand vollständig zerstört – ohne dass dieses angemessen versichert gewesen wäre.
1902 übergibt Carl Buchmann die Leitung der Fabrik seinen beiden Söhnen – Paul übernimmt die administrative Leitung, Ernst die Produktion. Am 26. Oktober 1906 stirbt Carl. Er beklagt auf dem Totenbett die Tatsache, dass er seine Familie in bescheidenen Verhältnissen zurücklasse, obwohl er ernstlich bestrebt gewesen sei, es gut zu machen.
Tafel 7
Familienvater mit Frau, Schwester und vier Kindern
1876—1906
Am 25. Oktober 1870 heiraten Carl Buchmann und Bertha Hauser in Töss – das Hochzeitsfest findet im Hotel de l’ Etoile in Uster statt. Zwei Jahre später, am 25. September 1872, kommt Clara (1872-1946) zur Welt. Die Familie wohnt zunächst an der Haldenstrasse 522, in unmittelbarere Nähe zur Sträuliseifenfabrik. Im Januar 1875 wird Carls Schwester Barbara (1847–1923) heimatlos: die Pflegemutter, bei der sie seit frühester Kindheit gewohnt hat, stirbt, und Barbara folgt der Einladung des Bruders Carl, in dessen Familie einzutreten und seine Frau Bertha, die tatkräftig in der Fabrik mitarbeitet, zu entlasten.
Barbara lebt bis zu ihrem Tod in der Familie des Bruders. Sie beaufsichtigt, betreut und erzieht die Kinder und später auch die Enkel, sie macht den Haushalt, sie wird von allen geliebt. Aber nur selten ist sie auf den Fotos der Familie zu sehen. Im Unterschied zu anderen Mitgliedern der Familie wird sie nie Bürgerin von Winterthur, und auf den Todesanzeigen für den Bruder und für ihren früh verstorbenen Neffen Ernst fehlt ihr Name.
Einige Monate nach Barbaras Eintritt in die Familie kommt der ältere Sohn Ernst (1875–1921) zur Welt, zwei Jahre später, Paul (1877–1962). Im Jahr 1880 findet der Umzug der Familie von der Haldenstrasse an die Rosenstrasse 9 ins eigene Haus statt. Dort wird Bertha Lilly (1883–1975) geboren, die Jüngste der Buchmann–Kinder. Sie verdient später den Lebensunterhalt als Sozialarbeiterin in der Vermittlung von Kindern in Pflegefamilien. Sie ist aber auch Kunstmalerin und von 1930 bis 1955 Mitglied der Schweizerische Gesellschaft Bildender Künstlerinnen. Ihr ganzes Leben verbringt sie an der Rosenstrasse 9 – «ledig bis in den Tod» – schreibt sie schwungvoll von Hand ins Familienbuch.
Tafel 8
Politisches Engagement als Demokrat
1865—1906
In Uster, wo Carl aufwächst, erreicht die Industrialisierung Mitte des 19. Jahrhunderts ihren Höhepunkt – mit allen Begleiterscheinungen wie soziales Elend der Arbeiterschaft, aber auch mit Widerstand gegen Ausbeutung und Kampf um bessere Bildung. Es gibt keine Zeugnisse dazu, ob und wenn ja wie Carls politische Einstellung dadurch geprägt wird.
In Töss ist das politische Engagement von Carl Buchmann verbürgt: Er ist Mitglied im Vorbereitungskomitee, das die Gründung eines Arbeitervereins plant. Er ist auch bei dessen Gründungsversammlung am 18. Februar 1865 im «Hirschen» in Töss anwesend. Seiner Schwester schreibt er Briefe auf Papierbögen, auf denen der Name «Arbeiterverein Töss» eingeprägt ist.
Den Mitgliedern des Arbeitervereins liegt vor allem die Bildung der Arbeiter am Herzen, und auch Carl wird sich neben der Gründung und dem Aufbau seiner Fabrik zeitlebens für die berufliche Bildung junger Menschen engagieren.
1867 wird in Winterthur die Demokratische Partei gegründet, die sich für die direkte Demokratie einsetzt und anfänglich ähnliche Anliegen wie der Arbeitervereinvertritt. Ein Jahr nach der Gründung des Technikums findet 1876 die Eröffnung des Gewerbemuseums statt: Von 1879 bis 1928 ist es in einem Anbau des Technikums – in unmittelbarer Nähe zur Rosenstrasse und zur heutigen Aspasia – untergebracht. Carl Buchmann ist als Mitglied der Gewerbekommission der Stadt Winterthur von Anfang an beim Aufbau des Gewerbemuseums dabei und während vieler Jahre Mitglied der Zentralkommission der beiden Gewerbemuseen Zürich und Winterthur.
Ein Höhepunkt ist Buchmanns Studienreise nach Leipzig und Stockholm im Jahr 1897: Mit dem langjährigen Direktor und Freund Albert Pfister (1852–1925) kann Carl Buchmann im Auftrag des Gewerbemuseums zwei internationale Gewerbeausstellungen besuchen, welche die neusten Maschinen und Produkte auf dem Markt zeigen.
1889 wird im Gewerbemuseum die Berufsschule für Metallarbeiter gegründet. Carl Buchmann ist an der Gründung beteiligt und wird ihr erster Präsident. Im Aspasia-Archiv finden sich Pläne aus dem Jahr 1891 für den Bau der Berufsschule für Metallarbeiter auf dem Gelände der alten Gerberei – heute Rosenstrasse 12 und 14. Realisiert werden diese Bauten nicht, der Standort für den 1892 erstellten Neubau findet sich beim Teuchelweiher an der Zeughausstrasse. Ab 1897 bis zu seinem Tod am 26.10.1906 ist Carl Buchmann Mitglied des Handelsgerichts des Kantons Zürich.

















