ASPASIADE 1

Exposition Temporaire Historique

Es brennt an der Rosenstrasse 14!

In der Nacht vom 4. April 1951 ist im Gebäude der Rosenstrasse 14 ein Feuer ausgebrochen. Der Grossbrand hat den Dachstuhl, das Dachgeschoss, Teile des ersten Stocks und das Treppenhaus vollständig zerstört. Wasserschäden gab es im ersten Stock und im Parterre. Die dort stehenden neuen Maschinen blieben weitgehend unbeschädigt.

Lesen Sie nachstehend auf acht Tafeln verteilt die Geschichte rund um das gravierende Ereignis in der Geschichte des Aspasia-Areals.

Tafel 1

Von der Gerwe zur Seifenfabrik

1872—1892

1878 baut Daniel E. Furrer hinter der Steigmühle – dem heutigen Schmalen Handtuch – eine neue Gerberei- und Lohmühle. Das Gebäude hat zwei Geschosse und ein steiles Satteldach mit einem Estrich. Zwischen Gerwe und Steigmühle fliesst der Mühlekanal und treibt ein Mühlenrad an.

Als Carl Buchmann 1881 in unmittelbarer Nachbarschaft mit der Produktion von Toilettenseifen und Parfums beginnt, kann die kleine Fabrik vom Wasserrad profitieren und zum Antreiben der Maschinen stundenweise Wasserkraft mieten. Gerbereigestank und feine Düfte sind nah beisammen …

Nach dem Tod von Daniel E. Furrer 1892, verkauft die verwitwete Pauline Furrer der C. Buchmann & Cie. die fast dreitausend Quadratmeter grosse Liegenschaft mit dem Gerwegebäude, drei Schuppen, Hofraum, Garten und Wiesen – samt Wasserrad und Wasserrechten. Die Fabrik expandiert – vermietet jedoch einen Teil des Gebäudes an Dritte.

1894 errichtet die Buchmann & Cie. zwischen den beiden Fabrikgebäuden eine Passerelle. Im alten Teil der Fabrik ist die Seifensiederei untergebracht. Durch ein Rohr werden die Seifenspäne über das Dach der Gerwe in die Vorratsbehälter in den Maschinensaal der Gerwe geblasen. Dort erfolgt die Verarbeitung der Späne zu  verschiedenen Seifenprodukten.

Tafel 2

Die Brandnacht

4. April 1951

Im obersten Stock an der Rosenstrasse 9 erwacht nach Mitternacht die 68-jährige Berta Buchmann, Schwester des Fabrikdirektors: Es brennt in der Fabrik!

Kurz nach 1 Uhr entdeckt ein Bahnangestellter auf dem Heimweg lodernde Flammen hinter dem Technikum. Er alarmiert die Polizei – diese bietet die Brandwache auf.

10 Minuten später ist die Brandwache an Ort und Stelle. Brandwache-Chef Frei stellt einen auf das Dachstockwerk und den zweiten Stock übergreifenden Brandherd fest.

Angesichts der Gefahr werden weitere Brandwachtruppen aufgeboten. Die Zerstörung des Treppenhauses erschwert die Löscharbeiten. Zwei Spritzen sind im Einsatz, acht Druckleitungen werden gelegt.

Um 1.30 Uhr weckt die Stadtpolizei einen in Veltheim wohnenden Journalisten des Neuen Winterthurer Tagblattes – es brenne an der Rosenstrasse.

Um 3 Uhr ist der Brand unter Kontrolle. Um 4 Uhr zieht sich die Brandwache zurück. Die Kompanie Altstadt vernichtet letzte Brandherde und beginnt mit den Aufräumarbeiten.

Vom Wind verwehte Papierfetzen mit angekohlten Rändern zeugen am nächsten Morgen bis Oberwinterthur vom nächtlichen Brand.

Tafel 3

Faszination Feuersbrunst

Meldung im Zofinger Tagblatt mit Pressefoto — 6. April 1951

Das öffentliche Interesse am Grossbrand zeigt sich bereits in der Brandnacht: Zahlreiche Schaulustige müssen von der Polizei auf Distanz gehalten werden. Über fünfzig private Telefonanrufer bestürmen die Stadtpolizei mit Fragen und blockieren die Telefonleitung. Der Feuerwehrkommandant lässt später verlauten, man ersuche Neugierige, sich inskünftig in ähnlichen Situationen an die Telefonzentrale zu wenden.

Um sechs Uhr morgens findet eine Pressekonferenz statt. Feuerwehrkommandant Hagenbucher schildert das Vorgehen bei der Brandbekämpfung. Statthalter Dr. Schneider und Bezirksanwalt Gubler geben Erklärungen ab zur Schadenhöhe. Mit 100‘000 Franken ist diese erste Schätzung – wie sich später zeigt – zu niedrig. Zur Brandursache machen sie keine Aussagen. Personen sind nicht zu Schaden gekommen.

Noch am selben Tag berichten die drei Winterthurer Zeitungen Landbote, Tagblatt und Hochwacht sowie die Neue Zürcher Zeitung ausführlich über den Grossbrand.

Am 6. und 7. April erscheinen weitere Artikel so im Tagblatt der Stadt Zürich, im Zofinger Tagblatt und sogar im Journal de Genève. Spätere Meldungen in der Gazette de Lausanne, der Tat, der Schweizer Familie beschränken sich auf das Pressefoto und einen reisserischen Titel.

Tafel 4

Sehr verehrter Herr Buchmann !

Für Ihre anerkennenden Worte über die Hilfeleistung …

Dankeschreiben der Feuerwehr der Stadt Winterthur an Fabrikdirektor Paul Buchmann-Sträuli (1877-1962).

Tafel 5

Aufatmen nach dem Schock …

Vollumfängliche Schadendeckung — August 1951

Das Feuer hat den Dachstuhl, das Dachgeschoss, Teile des ersten Stocks und das Treppenhaus vollständig zerstört. Wasserschäden gab es im ersten Stock und im Parterre. Die dort stehenden neuen Maschinen blieben weitgehend unbeschädigt.

Nach dem überstandenem Schrecken der Brandnacht, der Suche nach einem Architekten, der Einreichung des Baugesuchs und dem ungeduldig erwarteten Eintreffen der Baubewilligung kann Paul Buchmann an der Sitzung des Verwaltungsrates am 9. August 1951 mit Genugtuung feststellen, dass der Schaden durch die Gebäude- und die Mobiliarversicherung vollumfänglich gedeckt ist: Mit der Zusicherung der total 170‘000 Franken der beiden Versicherungen lässt sich der Wiederaufbau finanzieren.

51 Jahre früher war das nicht der Fall: Der durch den Grossbrand am 5. Februar 1900 verursachte Schaden ruinierte beinahe die in zwanzig Jahren harter Arbeit aufgebaute Firma, weil die Versicherung unzureichend war.

Tafel 6

War es Brandstiftung oder Fahrlässigkeit?

Befund: Brandausbruch im Treppenhaus eines Mieters

Einiges länger als der Wiederaufbau der Gerwe dauert die Untersuchung der Bezirksanwaltschaft. Erst eineinhalb Jahre nach der Brandnacht kann sie das Verfahren abschliessen. Die Verfahrenskosten von 183 Franken übernimmt die Staatskasse. Der Ort des Brandausbruchs ist identifiziert – Hinweise auf eine Täterschaft fehlen.

Ausgebrochen ist das Feuer im Parterre des Treppenhauses, das ausschliesslich den Zugang ermöglichte zu den gemieteten Räumen des Reklameateliers Giordano im ersten Stock. Trotz Beanstandung durch die Feuerpolizei ein Jahr zuvor, lagerte dort neben anderem brennbaren Material ein 200-Liter Fass Terpentinöl, unter dessen Auslaufhahn ein offener Blechkessel zum Auffangen von Restterpentin stand. Zudem hat der Mieter die Haustüre nie geschlossen (was damals keine Besonderheit war!). Personen konnten das Treppenhaus also ungehindert betreten. Eine gewisse Nachlässigkeit wird dem Mieter Giordano vorgeworfen, es gibt jedoch keinerlei  Anhaltspunkte für eine fahrlässige oder gar vorsätzliche Brandstiftung.

Im Adressbuch von 1952 ist das Reklameatelier Giordano an einer anderen Adresse zu finden. Neuer Mieter im ersten Stock ist ein Herr Schmitt, Inneneinrichtungen

Tafel 7

Wiederaufbau in kurzer Zeit

August 1951 bis Februar 1952

Am 21. Mai 1951 reicht der mit dem Wiederaufbau beauftragte Architekt Adolf Kellermüller das Baugesuch ein. Er bittet «mit Rücksicht auf die Dringlichkeit des Bauvorhabens zur Wiedergewinnung der verlorenen Arbeitsräume um besonders speditive Behandlung des Geschäfts». Fünf Tage später stellen Arbeiter das Baugespann auf. Anfang Juni ist die Brandstätte gesäubert.

Ende Juli erteilt die Baudirektion des Kantons Zürich die Baubewilligung – mit Auflagen. Sie betreffen den geplanten Lift und den Abstand zum benachbarten Steigmühlegebäude und zur Eulach. Die Einhaltung des Fabrikgesetzes wird geprüft – es gibt Vorschriften für die Beleuchtung, die Frischluftzufuhr, den Kälteschutz der Fussböden und den ungehinderten Zugang zu Fenstern und Türen.

Mit der Genehmigung des Kostenvoranschlags für den Wiederaufbau durch den Verwaltungsrat am 9. August kann die Bautätigkeit beginnen!

Schon am 5. Oktober ist Aufrichtefest. Paul Buchmann lädt alle Arbeiter und ihre Meister sowie die Verantwortlichen der Firmen zu je einer Wurst und Brot, einer Flasche Bier und einer Portion Senf ins Rössli ein. Es nehmen 52 Männer am Aufrichtemahl teil und der Patron hält eine Ansprache auf Deutsch und eine auf Italienisch. Er bedankt sich für die Arbeit und betont augenzwinkernd, dass das schmucke Fabrikgebäude sehnlichst auf den Moment gewartet habe, wo die Aspasia ihre Arbeit darin aufnehmen könne – und in der italienischen Rede heisst es: «… apprezziamo il vostro lavoro de il vostro spirito lieto e musicale …» – wahrscheinlich wurde auf der Baustelle oft gesungen!

Im Dezember ist der Rohbau fertig und der Putz ist angebracht. Fabrikations- und Packraum sind bezugsbereit.

Im Februar 1952 besichtigt der Verwaltungsrat den Neubau und am 19. April – also nach ziemlich genau einem Jahr – erfolgt die Schlussabnahme.

Tafel 8

Die neue Gerwe – ein Gewinn!

April 1952 — Seifenherstellung in neuen hellen Räumen

Das neue Fabrikgebäude ist aufgestockt um ein vollwertiges Geschoss mit einem Flachdach, welches das dunkle abgeschrägte Dachgeschoss mit steilem Satteldach ersetzt. Es gibt einen Lift und eine moderne Zentralheizung. Freundliche und helle Räume sowie neue Toiletten verbessern den Komfort.